Mit Songs wie „Raum der Zeit“ und „Hey Thomas“ haben sie Punkrock-Geschichte geschrieben und nach ihrer Reunion ordentlich nachgelegt. Daher freuen wir uns sehr, die Schwaben dieses Jahr wieder auf dem Ruhrpott Rodeo begrüßen zu dürfen. Im Interview hat Sänger Axel mit Diana über Spießerviecher und die Schönheit des Verfalls gesprochen.


Foto: André Noll

Ihr werdet Anfang 2019 auf eine große „Schönheit des Verfalls“-Tour gehen. Wie viel Arbeit steckt für euch als Band im Vorfeld dahinter?
Sehr viel Arbeit auf sehr vielen Ebenen. Die Planung beginnt schon auf der Tour davor. Dann sind wir mittendrin und sehen, was beim nächsten Mal besser laufen könnte. Auf der Bühne fühlen wir uns wohl, das ist unser Milieu und da gehören wir hin. Der WIZO macht Kammermusik und das funktioniert in kleinen dunklen Clubs am besten. Auf Festivals ist es hingegen etwas schwerer, diese Energie zu erzeugen, weil die Leute rundherum durch Pommesbuden und andere Dinge abgelenkt sind. Doch wenn die Stimmung erst mal zu brodeln beginnt, gibt es auch unter freiem Himmel kein Halten mehr. Unterm Strich ist das Touren der zentrale Höhepunkt unseres Schaffens. Denn der Dialog mit dem Publikum ist wichtig, um zu sehen, ob unsere Message ankommt. Das hält den WIZO-Motor am Laufen.

Tierbaby-Revolution

Auf dem Tour-Plakat ist eine alte Dackeldame zu sehen. Was hat es damit auf sich?
Wir beschäftigen uns schon lange mit unserem eigenen Verfall, aber wollten das Älterwerden bislang nie in den Mittelpunkt stellen. Doch in letzter Zeit ist uns bewusst geworden, dass der Verfall nicht nur uns, sondern auch die politischen, moralischen und gesellschaftlichen Entwicklungen um uns herum betrifft. In Deutschland sitzt die AfD im Bundestag, in den USA ist ein Vollidiot an der Macht und plötzlich reden wir wieder über Dinge wie einen Atomkrieg. Kein Wunder, dass wir manchmal die Schnauze voll von schlechten Nachrichten haben und uns stattdessen lieber Tiervideos im Internet angucken. Dabei ist mir die Arbeit von Tierfotografin Amanda Jones wieder eingefallen, die u. a. ihren Dackel Lily als Welpen und 15 Jahre später als Greisin fotografiert hat. Das passte perfekt und Amanda war so gerührt davon, dass wir ihrer Lily ein Denkmal setzen wollen, dass sie uns sämtliche Bildrechte eingeräumt hat. Zudem passt die Hundedame natürlich perfekt, da ein Dackel als DAS deutsche Spießerviech gilt und auf Schwäbisch so viel wie „Depp“ bedeutet. In diesem Sinne sind wir doch alle Dackel.

Ihr seid als Fun-Punks bekannt und dennoch spielt Politik eine große Rolle in eurer Musik. Wie findet ihr dabei die richtige Balance?
Gleich vorweg: Wir arbeiten an neuen Songs, können aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht versprechen, dass die Platte bis zur Tour fertig wird. Grundsätzlich beschäftigen wir uns sehr intensiv mit ernsten Themen, aber versuchen uns dabei nicht zu ernst zu nehmen. Die Texterei ist in den letzten Jahren schwerer für mich geworden. Auf der letzten Platte habe ich mich aufgrund der aktuellen Lage dazu entschlossen, komplizierte Themen herunterzubrechen, um dem vorherrschenden Rechtspopulismus den nötigen Linkspopulismus entgegenzusetzen. Doch gleichzeitig ärgere ich mich darüber, dass die Rechten es durch ihre laute Brüllerei schaffen, uns die Form zu diktieren. Dabei sind die Themen es eigentlich wert, im Detail betrachtet zu werden. Denn wenn eine Million Menschen vor Kriegen flüchten, stecken da eine Million Schicksale hinter. Es ist eine echte Herausforderung für mich, Themen wie diese in dreiminütige Punkrock-Songs zu pressen. Auf der anderen Seite hilft mir diese Limitierung auch dabei, auf den Punkt zu kommen.

Punker-Klassentreffen

Mit der Band Radkey aus den USA werdet ihr nächstes Jahr einen Hammer-Support-Act im Gepäck haben. Wie kam es dazu?
Die meisten unserer Gastbands entdecken wir auf YouTube und laden sie dann ein. Bei Radkey war das anders, denn als sie vor drei Jahren erstmals in Europa auf Tour waren, sind sie direkt zu Feuilleton-Lieblingen geworden. Es ist die einzigartige Mischung, die sie so besonders macht: Drei schwarze Brüder, die Punkrock machen und dann auch noch mit dieser krassen Danzig-Stimme überraschen. Das sind drei Punkte, die uns in unserer Erwartungshaltung gleichermaßen fesseln wie verstören. Jedenfalls hatten wir sie damals schon als Support angefragt, was leider nicht geklappt hat. Im Anschluss waren sie in den USA mit Jack White auf Tour und auch Descendents-Produzent Bill Stevenson ist auf sie aufmerksam geworden. Umso toller für uns, dass es diesmal geklappt hat und sie uns auf zwölf Shows supporten werden – zumal sie mittlerweile noch punkrockiger geworden sind.

Und zum Schluss: Welche Erinnerungen verbindet ihr mit dem Ruhrpott Rodeo?
Da gibt es haufenweise schöne Erinnerungen. Denn das Ruhrpott Rodeo hat bei unserer Reunion eine große Rolle gespielt. Ich kenne Alex schon sehr viele Jahre und habe mit ihm oft Musik gemacht, als es kein WIZO mehr gab. Das Rodeo hat uns schließlich geholfen, wieder auf die Beine zu kommen, nachdem wir ein paar Jahre zuvor diese großschnäuzige Abschiedstour gespielt haben. Aber auch vor zwei Jahren hatten wir wieder jede Menge Spaß in Hünxe. Im Grunde ist es großes ein Klassentreffen, bei dem man unfassbar viele Bekannte trifft. Ich nenne es gerne das „Kellerman’s Resort“ für Punker. Wer „Dirty Dancing“ gesehen hat, weiß wovon ich rede. Das Ruhrpott Rodeo war für uns bisher immer der Idealfall eines Festivals – wie ein großes Clubkonzert, bei dem der Pogo bereits das Dach und die Mauern pulverisiert hat. Wir haben keinen Zweifel daran, dass es auch dieses Jahr wieder ein absolutes Highlight für uns wird.

 

Interview: Diana Ringelsiep